Sonntag, 26. April 2015

Wadi Rum - Felsen, Wüste, Kamele und richtige Männer - stolz, verwegen, tapfer


Als Erstes: Wenn ihr diesen Artikel lest, dann lest nicht »Rum«, sondern »Ram«.
Ich weiß nicht, wie oft Mahmoud auf die Aussprache hingewiesen hat, ein Überbleibsel des britischen Mandats, und meine Mitreisenden immer »Rum« gesagt haben. Wie gerne hätte ich im Bus da in die Rückenlehne gebissen. Doch dann hätten sich meine Zähne vielleicht in Herthas (Name geändert) Nacken gestoßen.
Gut, ich gebe es zu: Mich regen schon wirklich Kleinigkeiten auf.

Vor etwa acht Jahren hatte ich ebenfalls als Teil einer Reisegruppe eine Woche in der libyschen Sahara verbracht. In Jeeps hatten wir die Wüste erobert, mit Fahrzeugen und zu Fuß Dünen bewältigt und bis auf zwei Nächte unter freiem Himmel geschlafen. Tuareq waren unsere Fahrer, Führer und Köche. Besonders der nicht lichtverschmutzte Nachthimmel ist mir in Erinnerung. Ich sehe heute noch die Erde als Scheibe, über der eine Kuppel liegt, an der Sterne angehängt sind.
Ich hatte daher keine allzu großen Erwartungen an die Wüstenübernachtung während dieser Rundreise in einem Beduinen-Camp. Zitat aus der Reisebeschreibung von Djoser: »Wir übernachten in einem großen Beduinenzelt in der Nähe des kleinen Beduinendorfes Al Disa. Es sind nur Toiletten vorhanden. .... Es sind ausreichend Decken und Matratzen vorhanden. ...« Auch wenn mich das Paradies für den »Ich-will-das-Wüstengefühl«-Touristen erwartete, freute ich mich unwahrscheinlich.

Auf dem sog. »Kings Way« fuhren wir von Petra aus Richtung Süden.
- Petra und der »Kings Way« bekommen eigene Berichte. -

Das Wadi Rum bezeichnet nicht nur ein Tal (Wadi arabisch für Tal), sondern eine Landschaft aus Felsformationen und Dünen. Seit 1988 steht es unter Naturschutz. 2011 wurde es in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.






Das Wadi Rum kostet Eintritt - 5 JD. Aktivitäten. Jeep-Touren, Wanderungen, Heißluftballonfahrten und Kamelritte müssen auch von Gruppenreisenden bezahlt werden.
Unverständnis gipfelte in pure Verzweiflung bei einigen meiner Mitreisenden. Eintritt für ein Naturschutzgebiet? Dann noch einmal 40 JD für die Jeep-Tour, die nach unserem Ankommen durchgeführt werden konnte?
Ronny wurde zum Sprachrohr. Er warnte vor dem Sandsturm, der über das Gebiet hereinbrechen würde. Bereits in Petra (ca. 150 km entfernt) war der Horizont von Sand getrübt gewesen. Ronny kannte sich nämlich in allen Dingen aus. Man könnte nichts sehen und vor allem keine guten Fotos erzielen. Ich hätte seine Sorgen verstanden, hätten sie sich auf die Sicherheit bezogen. Aber ihm ging es immer um gute Fotos.
Ich für meinen Teil war ganz cool. Ich wollte die Wüste wenigstens für ein paar Stunden fühlen und da war es mir wurscht, ob dabei Sand zwischen meinen Zähnen knirschen würde.  Außerdem leben die Beduinen seit Jahrhunderten in der Wüste. Sie wissen, wann es zu gefährlich ist, sie zu durchqueren. Einen Tag später habe ich allerdings feststellen müssen, dass die Definition von »gefährlich« ziemlich unterschiedlich sein kann. ...

Nachdem wir einen Check-Point passiert hatten, fuhren wir auf einer Asphaltstraße ein.Nicht lange und wir kamen an die Bahnstrecke der »Aqaba-Bahn«, die einsam durch die, für das laienhafte Auge, Ödnis Phosphat transportiert.

Die Bahnstrecke wurde als Ergänzung der »Hedschasbahn« in Jordanien gebaut.
Die Hedschasbahn führte zu osmanischer Zeit (bis 1920) auf ihrer Hauptstrecke von Damaskus bis nach Medina. Heute sind nur noch wenige Streckenabschnitte befahrbar.
Alter Zug der Heschasbahn


Nach diesem kurzen Stop ging es weiter zum Camp.

Etwa 80 dieser »Paradiese« gibt es im Wadi Rum.
Und es ist so was von crazy! Ich lasse Bilder sprechen:


Übernachtung in 2er-Zelten

 



Der Jeep, in dem ich saß, und Jamal, der Fahrer
In 2 Jeeps fuhren wir auf der Straße zunächst durch Disa. Ronny und Hertha blieben zurück. Es ist nicht zu übersehen, dass das Dorf in die Wüste gesetzt wurde. Sand überall, auf den Dächern der Betonklötze, Häuser genannt, den Auslagen der Geschäfte, den Menschen und Tieren, und auch wenn die Autofenster geschlossen waren, zwischen den Zähnen. Von der Straße lenkte Jamal zu Fahrspuren, die wie im Sand ausgelegte Wegweiser hinein in die Einsamkeit erscheinen.
Gerne hätte ich auf der Ladefläche gesessen, auf der zwei Bänke standen, um den Wind und etwas von der Freiheit zu spüren, die ich mit Wüste gleichsetze. Doch habe ich mich für den Innenraum entschieden. Ich wäre nie hochgekommen.





Etwas staubig




Zwiebeln


Felsbögen, die dadurch entstanden sind, dass der Wind weiche Sandsteinteile herausgetragen hat, bieten imposente Durchblicke.Einige können von Fitten und Mutigen bestiegen werden. Also nicht von mir.



Eine Pause legten wir bei einem Beduinen ein, dessen Zelt vor einem Felsen steht, an dem eine Felszeichnung eine Karawane zeigt.
Man muss sie nur lange genug anschauen und schwups- bewegen sie sich. Dann ist man mittendrin im Treiben einer Karawanserei, auf einem Markt oder spürt die heiße Luft in seiner Kehle, durch die man neben den Kamelen  herstapft.


Bei dem Beduinen gab es dann den obligatorischen Shay. Nachdem er ihn zubereitet hatte, spielte er auf einer Rababah und danach konnten wir Tee, Tücher, Seifen und vieles mehr kaufen. Es ist eine sehr schöne Tradition in der arabischen Welt, den potentiellen Kunden vor Verkaufsverhandlungen das Gefühl zu vermitteln, er sei wichtig. Ich für meinen Teil kann das Resümee ziehen, dass er so mehr kauft, als er eigentlich vorhatte.


Das »Ziel« der Fahrt war der Sonnenuntergang. Auch wenn er im Sand verschwamm, es war atemberaubend.
Die schroffen Hügel schienen aus einer anderen Welt auf die Erde herabzugleiten. Himmel und Erde verbanden sich am Horizont zu einem Ganzen. Und mir wurde aufs Neue bewusst, wie klein ich bin und wie gering meine persönlichen Sorgen sind. In den wenigen Minuten, die es dauerte, dass die Dämmerung hereinbrach, gab es Nichts.  Noch nicht einmal den kalten Wind und die Dankbarkeit, dass ich einen Platz im Innern des Jeeps hatte und die Rückfahrt nicht auf der Ladefläche hinter mich bringen musste.


Im Camp wartete bereits das Abendessen im Erdofen auf uns. Ich kann nur hoffen, dass ihr anhand der Bilder erahnen könnt, wie toll der Hammel, das Hühnchen, die Kartoffeln und Möhren geschmeckt haben. Mit Worten könnte ich es euch nicht annähernd näherbringen.




Das Fazit des Wüstentages:

Stolze, verwegene und tapfere Männer der Wüste?
Auf Jamal und seinen Kollegen treffen diese Attribute vielleicht in gewisser Weise noch zu. Sie beförderten wie Generationen vor ihnen und mit deren Erfahrung in ihrem Blut Kamele durch die Wüste. Sie taten es mit einer vertrauenserweckenden Ruhe. Die Jungs der Beduinen lernen bereits mit 12 Jahren Autofahren. Sie kennen jeden Winkel, jede Unebenheit und wissen, wann der Sand zu weich wird, und die Luft aus den Reifen zu lassen ist, um ihn sicher befahren zu können. Ich bin mir sicher, sie können auch blind steuern.
Dennoch. Die Beduinen haben sich den Anforderungen der Welt gestellt. Alleine mit Stolz, Verwegenheit und Tapferkeit kann man halt in der Wüste auch nicht mehr überleben. Viele von ihnen sind sesshaft geworden. Sie sind gezwungen, sich für ihren Lebensunterhalt zu prostituieren. Irgendwann werden ihre Nachkommen, so wie wir, das stolze Volk der Beduinen nur noch aus Mythen kennen.
Und das finde ich sehr schade.
Der Nachthimmel war wie befürchtet nicht ungetrübt. Die Lichter des nahen Dorfes strahlten in die Dunkelheit und Wolken verdichteten sich mit Sand unter der Kuppel.  Hinter den Felsen rauschte der LKW-Verkehr an unserem Camp vorbei. Ich vermisste die wunderbare Stille, die ich aus der Sahara kannte und das Gefühl, das Zeit in der Wüste keine Bedeutung hat, hat sich leider niemals eingestellt.



Kommentare:

  1. Richtig toll erzählt Julia und super Fotos. Ronny wär stolz auf Dich :))
    Macht Spaß zu lesen, freu mich schon auf die Fortsetzung.
    Liebe Grüße Tina

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  2. Ich bin beeindruckt!!! Wunderschön!!! Ich durfte in der australischen Wüste erleben wie der Nachthimmel ringsum bis zum boden geht... Ich weiss wie es sich nie mehr vergessen lässt, wenn es aussieht als ob die Erde eine Scheibe wär.

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