Sonntag, 28. Juni 2015

Das Tote Meer, einer der 1.000 Orte, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt.


Wie im Real Life neigt sich am Toten Meer die Jordanien-Rundreise in diesem Blog ihrem Ende entgegen.
Blau liegt es zwischen den kargen Hügelketten Jordaniens und Israels da und verliert sich in einer endlosen Weite. Der Wind wirft salzige Schaumkronen über das Wasser, die spinnenwebengleich am Ufer zurückbleiben.





Um das oben beschriebene Bild zu sehen, musste ich allerdings eine Nacht abwarten. Wir kamen in unserem Spa-Hotel am Abend des „Horror“-Trips von Dana an.


Es war bereits dunkel. Wir waren müde, hungrig und dementsprechend gereizt. Außer Ronny und seine Gundula. Sie hatten sich sechs Tage zuvor in Amman in einer »Supa-Tuba«-Bäckerei eine Tüte von Gebäck gekauft, an der sie noch bis zum Abreisetag aßen.
Wachleute und Sicherheitskontrollen am Eingang waren uns von allen bisherigen Hotels bekannt. Es wurde aber nur hier darauf geachtet, dass durch die „Pieps“-Schleuse gegangen wurde und nur in diesem Hotel wurde das Gepäck durchleuchtet. Für Ronny nicht zu verstehen. Er wollte tatsächlich einen Streit mit einer Wachfrau vom Zaun brechen, weil er es für zu übertrieben fand. War grundsätzlich die Situation für mich unverständlich, dass ich beim Eintritt in ein Hotel kontrolliert werde, als wenn ich den Sicherheitsbereich eines Flughafens betrete, verstand ich die Hartnäckigkeit der Sicherheitsleute, die Ronny bestimmt zu der Kontrolle bewogen.
Ihr müsst euch die Lage des Hotels derart vorstellen: Ihr entspannt am Abend bei einem Trink auf der Terrasse vor der Bar mit Blick auf die Lichter von Jerusalem. Die Atmosphäre, die euch umgibt, könnte nicht friedlicher sein. Die Brisanz und die Instabilität, die die Region beherrschen können leicht soweit in den Hintergrund gedrängt werden, bis sie im verwaschenen Grau der Vergessenheit verschwinden.

Rechts die Hügel von Israel



Die Sicherheitskontrollen – und die Tatsache, dass der Strand nicht in voller Gänze abzulaufen ist, weil irgendwann ein Schild auftaucht, das auf militärisches Sperrgebiet hinweist - steigern das Bewusstsein über das durchschnittliche mitteleuropäische Sicherheitsdenken hinaus. Ich kann von mir behaupten, dass ich wirklich froh darüber bin, in Deutschland bzw. Europa leben zu können.

Der hohe Salzgehalt des Wassers kann als Namenspate für das Tote Meer genannt werden. Außer Mikroorganismen und wenige salzresistente Pflanzen kann in ihm nichts existieren. Für Leben sorgen Touristen und Heilsuchende. Spa-Hotels, oft eingebettet in Luxusressorts, reihen sich wie Glieder einer Kette an jordanischen und israelischen Ufern.

Das Hotel, in dem wir zwei Nächte verbrachten, bot ein umfangreiches Wellness-Angebot, mit Heilschlammbehandlungen, Massagen, einen Pool mit Bar, zwei Bars im Gebäude und zwei Restaurants. Das Zimmer war das angenehmste, das ich bezogen hatte. Bei einer selbstgeplanten Reise hätte ich es dennoch wohl nicht gebucht. Spa-Hotels haben die Eigenart, dass sie meist in der Pampa liegen und kaum Kontakt mit Einheimischen möglich ist.

Als wir an Hotelanlagen vorbeifuhren, die großzügig errichtet werden, fragte ich mich, wie lange die Gäste das Vergnügen des Toten Meeres noch genießen können. Nur noch ein Zehntel dessen, was vor der intensiven Nutzung des Jordans und der kleineren Zuflüsse seit den 1950er Jahren (landwirtschaftliche Bewässerung, Duschen, Toilettenspülungen und Pools) in den Salzsee geleitet wurde, gelangt heute noch hinein. Jedes Jahr nimmt der Wasserstand des größten Binnengewässers des Nahen Ostens um etwa 1 Meter ab. Experten schätzen, dass in 50 Jahren das Tote Meer bis auf einen kleinen Tümpel ausgetrocknet ist.
Ich weiß nicht, ob es noch ein Hotel oder ein Ressort gibt, das direkt an einem hoteleigenen Strandabschnitt liegt. Unser Hotel bot einen Shuttle-Service zum Ufer an und im „Amman Beach“, wo wir nach einem ersoffenen Tag noch einmal tote Meerluft schnupperten, gingen viele Stufen hinunter. Wie nahe einmal das Wasser war, davon zeugen verrottete Bauten.



Die Mondlandschaften, die ein Salzschleier überziehen und das Tote Meer einfassen, führten mir erschreckend die Arroganz von uns Menschen vor Augen. Dem See wird die Lebensader abgeschnitten, indem hunderte Quadratkilometer Felder bewässert weden, auf denen neben Bohnen, Äpfeln, Birnen, Zitronen und Orangen uvm. Tropenfrüchte wie Bananen und Ananas gedeihen. Die Industrie wehrt sich gegen Maßnahmen, die eine Austrocknung vielleicht verhindern könnten, da sie um die Gewinnungsmöglichkeiten des Magnesiums, Broms und Jods fürchten, dass sie aus dem verdampfenden Wasser fördern. Die Folge ist: Der ausgetrocknete Untergrund ist porös. Immer öfter bricht er ein und zieht Menschen und Gebäude in tiefe Krater. Niemand weiß, wo und wann sich die Erde als nächstes auftut, weswegen Strandabschnitte gesperrt oder Bewohner aus ihren Häusern zwangsweise ausquartiert werden.
Wie schrecklich kurzsichtig ist die Menschheit doch trotz ihrer vielen schmerzhaften Erfahrungen. Es ist davon auszugehen, dass es in einer Region größter Wasserknappheit auf kurz oder lang zu Kämpfen um jeden Tropfen gekommen wäre. Anstatt Maßnahmen zu erforschen und / oder zu ergreifen, die diese Entwicklung verzögern oder die daraus resultierenden Gefahren minimieren würden, schöpft sie freudig weiter das Wasser ab. Der Zeitraum von ca. 50 Jahren ist nicht lang und die Auswirkungen der Austrocknung sind sicherlich an manchen Orten sehr viel früher spürbar. Gerade wenn bedacht wird, wie oft sich Experten bereits geirrt haben.
Meiner Meinung nach ist der Zeitpunkt lange verstrichen, an dem man sich Gedanken um unbeschäftigte, obdachlose und halb verdurstete Menschen gemacht haben sollte. Aber vielleicht sollten Politiker, Wirtschaftsbosse und Touristen endlich einmal damit anfangen. Nur zur Erinnerung: Das Tote Meer ist mit Flug und Autofahrt gerade einmal 5,5 Stunden von Frankfurt entfernt.
Ich möchte bestimmt niemanden den Aufenthalt an dem Salzsee vergällen, denn es ist schon etwas Besonders am tiefsten Punkt der Erde stehen zu können. Aber es sollte sich jeder, der Heilung und Vergnügen suchund der Produkte aus dieser Region konsumiert, die auch in unseren Breitengraden gedeihen, darüber im Klaren sein, dass er ein Teil der Zerstörung des „Naturwunders“ ist. Nicht jedem wird sein Gewissen reingewaschen wie uns.


Es ist ja schon gewöhnungsbedürftig, um vier Uhr morgens rum von Gesängen eines Muezzin geweckt zu werden. Aber was ich geistig am Morgen unseres Seetages verarbeiten musste, hatte mich etwas überfordert. Ich musste erst einmal überlegen, wo ich war. Vor meinem Fenster hörte es sich an, als wenn mein Urlaub bereits zu Ende wäre. Groooße Regentropfen schlugen auf dem Boden auf. „Aber ich bin doch in Jordanien in einem Hotel am Toten Meer.“ Aber es war, wie es sich anhörte. Es regnete tatsächlich und es tat es den ganzen Tag über, mit kurzen Unterbrechungen.
Laut Mahmoud regnet es nur alle sieben Jahre an den Gestaden, die einem heißen und trockenen Klima ausgesetzt sind. Das wir gerade das Regenjahr erwischt hatten, gleicht beinahe einem Wunder. Nach meiner Rückkehr sagte ich scherzhaft, dass wir wahrscheinlich die 2 Regentage mitgenommen haben, die es am Toten Meer gibt. Ich habe für diesen Beitrag eine Klimatabelle angesehen und festgestellt, dass ich mit meiner Meinung nicht verkehrt lag. Januar und Februar sind die kühlsten Monate mit durchschnittlich 7 Regentagen. Der April bringt im Durchschnitt 3 Regentage.

Nach dem Frühstück, das beste Frühstücksbuffet des gesamten Urlaubs mit Butter aus Deutschen Landen, sind meine Mitreisenden und ich getrennt an den Strand gegangen, um uns dort zu treffen. Wegen stürmischen Wind und starken Wellengang war das Baden am Vormittag nicht erlaubt. Worüber ich recht enttäuscht war. Nicht, dass ich in die Salzlake habe steigen wollen. Bereits bei der Buchung wusste ich, dass ich das nicht tun werde. Aber ich hätte gerne einmal gesehen, wie Menschen auf dem Rücken liegend Zeitung lesen.


Für nach ganz unten fehlten 30 m

Ich habe nicht lange auf einer Liege gelegen, bis ich die Wirkung des Toten Meeres, das so viele mit Neurodermitis und Schuppenflechte hierherbringt, auf meiner Haut gespürt habe. Magnesium, Brom und Jod machen die Haut auch am Land glatt und geben ein angenehmes Gefühl.
Ich bin nach etwa einer Stunde zurückgegangen, um im Pool zu schwimmen. Es war herrlich. Er gehörte mir alleine. Sogar der Pool-Kellner hatte sich versteckt, nachdem ich gekommen war. Sonne, blauer Himmel, eine starke Brise, nur der Cocktail hatte gefehlt. Was mir abging, war zu sehen, wie sich drei meiner Mitreisenden mit dem Schlamm aus einer Quelle von Gesicht zu den Füßen einreiben ließen. Die „Aliens“ habe ich dann erst auf Fotos gesehen.






Freitag, 26. Juni 2015

Falafel - und am Set von 'Life of Brian'


Wenn es Eines ist, das ich mit Arabien verbinde, sind es nicht Wüste, Kamele, verhüllte Frauen oder Wasserpfeifen, es sind kleine goldbraune Bällchen, die am Besten heiß schmecken - Falafel.
Selbstredend setzte ich daher Falafelessen auf meine »Muss-tun-Liste« für Jordanien, Jerusalem und Palästina.

Für gewöhnlich finden sich die Stände, an denen die Kichererbsenbällchen verkauft werden überall: in Häusernischen, auf Plätzen, Straßen und Gassen. Wenn am Morgen die ersten Bällchen in die Pfanne gegeben werden, der Geruch von heißem Öl und Gewürzen, die dem Teig zugesetzt sind, die Imbissstände unter eine Glocke legt oder in dichten Schwallen aus schmalen Küchen ins Freie tritt, der Geruch selbst das heimelige Aroma von frisch gebackenem Brot überdeckt, dann beginnt ein verheißungsvoller Tag. Schulkinder, Frauen, Geschäftsleute, Araber und Israelis - alle halten in ihren Händen entweder ein Sandwich oder eine braune Papiertüte, in die man die Falafel bekommt, wenn man sie pur essen möchte. Beliebte Beilagen sind Harissa - eine Chillisauce, Tahini - eine Sesamsauce, Hummus - ein Kichererbsenpürree und Salat. Die gleichen Personen vom Morgen sieht man Nachmittags und am Abend, die Kleider vollgekleckert mit Sauce und Spuren fettiger Finger, die an Oberteilen und Hosen abgewischt wurden.
Falafel sind das best schmeckende, billigste und sättigendste Gericht, das ich kenne.
In Jordanien kostete ein Sandwich mit drei Bällchen und Saucen 50 Piaster (ca. 63 Cent). In Jerusalem zahlte ich für 10 Bällchen 5 Schekel (etwa 1 €). Ich war jedes Mal pappsatt. Aber nicht im Geringsten überfressen.


In Amman war das Erste, was drei meiner Mitreisenden und ich machten, eine Falafel-Stube aufsuchen. Oben habe ich geschrieben, dass es kein Problem darstellt, eine zu finden. Das stimmt nicht ganz. In dem Viertel, in dem das Hotel lag, suchten wir verzweifelt zwischen italienischen, griechischen und indischen (Fast-Food)Restaurants und Hähnchenbratereien. Bis Alma (Name geändert) einen Passanten fragte. Die Falafel-Stube habe ich euch bereits hier gezeigt. 


Das erste Mal machte ich Bekanntschaft mit dem Gebrauch einer Falafelpresse, die in meinem Reiseführer als Souvenir vorgestellt wurde. 



Es war einfach irre, in welcher Geschwindigkeit der Falafelmacher den Teig portionierte und in dann in das heiße Öl gegeben hatte. Ich, ein Souvenirjäger - meine Schwester behauptet, dass Souvenirverkäufer ihre Stände aufstücken, sobald ich die Grenze übertrete - war hin und weg. Eine solche Presse wäre etwas Besonderes. Sie ist zu benutzen und nicht nur ein kitschiger Staubfänger. Sicher, ein Eisportionierer tut den gleichen Dienst. Doch bin ich noch nicht auf die Idee gekommen.
Mit dem Vorhaben eine Falafelpresse zu kaufen, fuhr ich nach Jerusalem.

Nach meiner ersten Erkundungstour durch baulich enge und durch Menschen und Auslagen noch einmal enger wirkenden Gassen der Jerusalemer Altstadt machte ich mich auf die Suche nach dem Souvenir, von dem ich wusste, bevor ich es besaß, dass es auf ewig als Synonym für Jordanien, Jerusalem und Palästina stehen wird.
Ich fand die Presse unweit meines Hotels, das im arabischen Viertel liegt. Wenn ich zu Jerusalem komme, werde ich näher auf den Suq eingehen. Nur soviel jetzt schon: Hier findet sich weniger der touristische Schnick-Schnack. Hier kaufen die Jerusalmer und die Einheimischen aus dem Umland Dinge des Alltags, Kleidung und Lebensmittel.

Der Verkäufer eines Haushaltswarengeschäfts, sah die Sprechblase ‚Ich will eine Falafelpresse’ über mir wahrscheinlich eher, als mir sie mir in die Augen fiel. „Brauchst du eine Falafelpresse?“
Ich war perplex. Nicht weil er mich in einem fast perfekten Deutsch ansprach, in dem auch das weitere Verkaufsgespräch, das mich so sehr an ‚Life of Brian’ erinnert hatte, geführt wurde. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass Nationalitäten von einem geübten Auge erkannt werden. Nachdem er sich vergewissert hatte, ob ich aus Deutschland oder Österreich komme, antwortete ich: „Na’am.“ Ich habe ein Semester VHS-Arabisch hinter mir und da wollte ich nicht hinterm Busch damit bleiben.
Der Verkäufer legte dieses bestimmte Lächeln auf, mit dem insbesondere Mitteleuropäerinnen gewonnen werden können, und ließ mich in seinen Laden eintreten. Es war ein Schlauch, mit so vielen Töpfen, Schüsseln, Wannen, Tellern und Tassen, Papierrollen, Klobürsten usw. usf. vollgestellt, dass ich mich kaum umdrehen konnte, ohne etwas zu verrutschen oder gar herunterzuschmeißen. An Falafelpressen barg er eine unüberschaubare Auswahl. Der Verkäufer zeigte mir Pressen aus chinesischer Fertigung - Die taugen nichts, die verkauft er nur an Touristen. - und den Besseren aus heimischer Fertigung. Sein Sohn brachte mir Tee.
Vergeblich suchte ich nach Preisen. „Was kosten die?“ Die Frage stellte ich dann doch in Deutsch und zeigte selbstverständlich auf die ‚Made in China’.
„Was willst du zahlen?“
Ich dachte: ‚Neiiiiin!’ Ich kann nicht handeln. „Weiß nicht.“
„Sag.“ Er nahm eine der Besseren und gab sie mir in die Hand.
Ja, mein Gott, woher soll ich wissen, was Falafel-Portionierer kosten. „Weiß nicht.“
„Sag einen Preis.“ Sozusagen: Geb’ mir den Ball vor.
„In Euro.“
Er nickte.
„15 Euro.“
„15 Euro! Weißt du, was ich davon für meine Familie übrighabe ...“
Wie Brian sagte darauf auch ich, dass ich nicht wüsste, was für einen Preis ich nennen sollte und der Verkäufer half mir: „5.“
Also „5“
...
Soll ich mehr erzählen oder reicht es, dass ich erwähne, dass nicht lange danach kein Passant, kein Brotträger und keine Falllache mehr durch die Gasse kam, weil sich vor dem Eingang die Nachbarschaft drängte und der Verhandlung einer Touristin mit einem arabischen Händler zuhörte, dessen Familie aus wenigstens 50 Kindern, die alle eine Zukunft erleben und nicht davor verhungern sollten, und vier schwerherzkranken Großmüttern bestand?
Die Einwürfe, die abgeben wurden, kann ich heute noch nicht zuordnen, wollten sie mir helfen, berieten sie ihn, wie er mich in jedem Fall über’s Ohr hauen kann? In jedem Fall war es ein Spektakel.
Als die Nacht langsam über die Steine des Suqs kroch, bunte blinkende Lichter erstrahlten, die ersten Läden geschlossen wurden, verpackte mir der Händler die Presse in Papier und überreichte sie mir in einer der dünnen Plastiktüten, die es überall gibt, die beim bloßen Hinschauen bereits reißen und die überall herumfliegen und sich an und zwischen Wänden, Bäumen und Sträuchern festbeißen. Ich zahlte 30 Schekel, 7 €.
Er hat mich nicht über’s Ohr gehauen! Zumindest nicht für deutsche Verhältnisse. Bei dem Online-Handels-Riesen mit dem kleinen „a“ habe ich eine Falafelpresse für 8 € gefunden.
Ich hatte mir nicht nur einen Wunsch erfüllt, sondern auch einen Freund für’s Leben, gut ... für die nächsten 5 Tage, gefunden. Nein, eigentlich Freunde, denn auch seine Nachbarn grüßten mich ab dem nächsten Tag, luden mich zu Tee oder Kaffee ein.

Gestern habe ich dann endlich mit meiner Presse Falafel zubreitet. Ich muss aber gestehen, dass ich den Teig nicht wie sonst selbst angesetzt sondern auf Instant zurückgegriffen habe.




In unserem Haus roch es vom Erdgeschoss bis zum Dachboden nach Gewürzen und heißem Fett. Es ist einfach herrlich - das Gefühl in der Nase zu haben, weit weg zu sein, vor dem geistigen Auge zu sehen, wie die untergehende Sonne die Mauern und Dächer Jerusalems in goldenes Licht taucht, die Hektik im Geiste zu erleben, mit der durch die Gassen gehetzt werden und die letzten Einkäufe getätigt werden.
Ich beherrsche die Presse nicht in der Geschwindigkeit, wie die Falafelmacher in Jordanien, Jerusalem, Ramallah und Bethlehem, aber sie sehen nicht schlecht aus. Was ich unbedingt noch koordinieren muss, ist die Handhabung: Teig in die Presse streichen, ins Öl geben und die bereits darin befindlichen herausnehmen, bevor sie schwarz sind. Mit den Händen den Teig formen kommt mir da mehr gelegen, allerdings haben die Bällchen mit der Presse eine einheitliche Größe und variieren nicht zwischen Tennisball und Wachtelei.

 



Freitag, 19. Juni 2015

„schwei-schwei“ in Dana



 „Klein Nepal“ - das war das Erste, was mir in den Sinn kam, als wir über die Dächer von Dana Village geblickt hatten. Das Dorf, zentrale Station für den Öko-Tourismus im größten Naturschutzgebiet Jordaniens, liegt einsam eingebettet in Bergen. Eisiger Wind, der vom Hörensagen ähnlich in den Himalaya-Regionen schneidig weht, ein Gasthaus mit zugigem Versammlungsraum, spürbar nicht durch einen Ofen und ein beachtliches Ofenrohr gewärmt, mit steinernen Sitzbänken entlang der Wände mit rot-schwarz gemusterten Decken und Kissen und eine kleine asiatisch aussehende Frau, die uns Tee brachte und später das Essen servierte, verstärkten den Eindruck.
Ja, ihr habt richtig gelesen: eisiger Wind und dazu immer wieder Regen begleiteten uns während des Tages. Laut meinem Reiseführer »lonley planet - Jordanien« ist das Naturschutzgebiet Dana am schönsten im Frühjahr oder im Herbst, »der Winter kann bitterkalt werden.« Ich muss der sehr guten Autorin widersprechen: Der Frühling kann bitterkalt sein. Ich, ansonsten keine Frostbeule, ausgestattet mit Kleidung à’la »Jordanien liegt im Nahen Osten, da ist es warm.« hatte geschlottert.


Vor ca. 30 Jahren wurde das Dorf von seinen Bewohnern verlassen. Leichter zugängliche Ortschaften, in denen es Wohnungen mit Stromanschluss, Ärzten und Schulen und vor allem Arbeit gibt, gewannen den Kampf gegen Stille, umwerfende Landschaft und Einsamkeit. 4 Millionen Dollar hat es sich eine amerikanische Stiftung kosten lassen, dass Dana Village wieder aufgebaut wird. Die Organisation RSCN (Royal Society for the Conservation of Natur) betreut Projekte, die Menschen zurückholen und ein Einkommen verschaffen, ohne ihre traditionelle Lebensweise zu bedrohen.
Noch aber mutet Dana Village eher wie eine Filmkulisse an - der Hort von Träumen und Sehnsüchten. Die Menschen auf der staubigen Straße, die holprig einem steilen Abhang durch zerfallene Häuser und über einen ebensolchen staubigen Dorfplatz führt, wirkten auf mich wie Statisten. Das Dorfleben, das ich durch die milchigen oder zerborstenen Fenster des Restaurants, das zum ersten Haus am Platze, dem »Dana Tower« gehört, beobachten konnte, kam einem einstudierten Theaterstück für Touristen gleich: Familien begrüßten sich vor der Moschee. Mütter richteten die Kleider ihrer Kinder und strichen die Haare zurecht. Nach dem Gebet betraten Männer den Raum, in dem wir Tee tranken und auf unser Mittagessen warteten, rauchten, unterhielten sich und debattierten. An den zerfallenen Häusern wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Einer schleppte Wasserkanister, ein Anderer fuhr Felsbrocken in einer Schubkarre.
Das »wirkliche« Leben findet dem Auge nach nur beschränkt auf den Tourismus statt: moderne Schilder an Ruinen und bröckelnden Hausecken, die auf Hotels und Pensionen und geführte Wanderungen hinweisen. Die Natur erobert nach und nach die umliegenden Terrassenfelder zurück, auf denen Generationen zuvor Pistazien, Mandeln, Granatäpfel, Zitronen, Walnüsse und Äpfel anbauten.


Laut Reiseführern und -berichten ist Dana DAS Ziel schlechthin zum Wandern in Jordanien. Das Bioreservat erstreckt sich von den Sandsteinklippen bei Dana Village über 1.700 Höhenmeter bis zum Toten Meer. Um die etwa 600 Pflanzenarten, 180 Vogelarten und über 45 Säugetierarten zu schützen, ist es nur wenigen Beduinenfamilien und nur zu vorgegebenen Zeiten erlaubt, mit ihren Schafen und Ziegen durch die Felsmassiven und Täler zu ziehen.
Nach einem einfachen, frisch zubereiteten - da mit uns nicht gerechnet worden war - und köstlichen Mittagessen in dem kalten, spartanisch eingerichteten und trotzdem urgemütlichen Speiseraum, in den man über wacklige Treppen gelangt, traten auch wir eine Wanderung an.
Susi (Name geändert) zeigte mehr Weitblick, als ich ihn hatte. Nach wenigen Schritten auf dem Pfad, der in die wilde Berglandschaft führt, brach sie ab und verbrachte anders als ich einen entspannten Nachmittag. Ich quälte mich todbringenden Gefällen, die atemberaubende Panoramen boten, weißen und roten Felsen entlang. Laut der Reisebeschreibung von »Djoser« und Mahmoud waren für die Wanderung 2 Stunden angesetzt. Gefühlt hatte sie Tage und Nächte gedauert.

  










Ein ehemaliger Elitesoldat der jordanischen Streitkräfte war unser Guide. Chalid.
Ein Mann, so wie ihn sich die mit Felsen und engen Schluchten vollkommen überforderte 

Mitteleuropäerin vorstellt: stark, mutig und im Rucksack ein Kessel, Teebeutel und Zucker.
Er war bei Auf- und Abstiegen immer zur Stelle, half und redete gut zu. Sein „schwei-schwei“, arab. für ‚langsam’ und „here no doctor“ hallten noch Wochen in meinen Ohren. Und auch jetzt während des Schreibens. Ich muss auch grinsen, bei den Bildern von mir im Kampf gegen die Elemente. Ich glaube, ich hatte eine recht dämliche Figur abgegeben.
Auf einer kleinen Lichtung, im Schatten rot und ocker marmorierter Felsen, legten wir eine 

längere Pause ein. Chalid suchte nach trockenem Gestrüpp und baute aus Steinen und einem Ast eine Vorrichtung, an die er den Kessel hängte, aus dem nach geraumer Zeit verheißungsvoller Dampf stieg. An Entspannung war für mich aber nicht zu denken. Mir erschloss sich anders als meinen Mitreisenden nicht das Paradies, in dem wir uns befanden. Meine Gedanken hingen an steilen Abhängen, hohen, niedrigen und glatten Steinen, die noch auf dem Weg zwischen mir und unserem Bus zu bewältigen waren. Ich hegte bisweilen arge Zweifel, ob wir ihn tatsächlich irgendwann erreichen würden.
Doch dann hatte ich es hinter mir. Die fleischgewordene Pädagogin Urschl stellte die dümmste Frage, die jemand stellen kann, wenn ein anderer erschöpft und keuchend auf allen Vieren sein Ziel erreicht hat: „Wie fühlst du dich?“
Wenn ich mich nicht so dermaßen ausgekotzt gefühlt hätte, hätte ich ihr schon eine passende Antwort gegeben. Aber ich schmiss sogar meine Zigarette nach zwei Zügen weg und entgegnete ihr mit dem fränkischen ‚Wie bitte?’ – Übersetzung: „Hä?“
Sie war der Meinung, dass ich eine Herausforderung angenommen und etwas Großartiges geleistet hätte, auf das ich stolz sein könnte. Während des Monologs verlangsamte sich mein Herzschlag, die Schnappatmung ließ nach, der kalte Schweiß trocknete und ich gewann meine Sinne und meine Stimme zurück.
O-Ton: „Ich brauche keine Herausforderungen, die ich bewältigen kann. Ich bin mir selbst genug.“

P.S.: Ich bin kein grammatikalisches Genie und in diesem Post sehr unsicher betreffend "hatte" und "habe". Wenn ich die Zeiten also falsch angewandt habe, bitte ich um Verzeihung und ggf. um einen Hinweis, wie's richtig gehört.

Sonntag, 7. Juni 2015

Petra - der Fels, der Stein - Nomen est Omen

Imposante Grabmäler aus Fels herausgeschlagen - eigentlich ist zu Petra nicht viel mehr zu sagen, noch ein paar Bilder und als Schlusssatz ein Zitat von Lawrence von Arabien „Jede Beschreibung verblasst vor dem eigenen Erleben der Stadt.“ und der Blogeintrag wäre fertig.
Denn, wie sagte oder schrieb einmal ein kluger Mann: „Ein Zitat sollte der Schluss eines Aufsatzes sein, wenn der Autor keine eigenen starken Worte findet, um ihn zu beenden.“
Lange habt ihr darauf warten müssen, dass es mit dem Blog über meine Jordanien-Reise weitergeht. Doch ich fand weder Schlussworte noch einen Anfang, durch die ich meine Erinnerungen mit euch hätte teilen können. Es wird, je länger ich zu Hause bin, ein immer chaotischeres Knäuel aus Staunen, Überwältigung und Faszination, das ich einfach nicht entwirren kann.
Würde ich allerdings im Bezug auf Petra vor Worten kapitulieren und mit dem Engländer enden, würde ich die unvorstellbare Leistung von Menschen nicht anerkennen, die in einer unwirtlichen Gegend aus Felsen eine Stadt herausgeschlagen haben.


Das "Schatzhaus"
So also nehme ich meinen Pickel, die Tastatur, in die Hand und führe euch nach Petra.

Vor mehr als 2.000 Jahren stieg ein arabisches Nomadenvolk dank Weihrauch, Myrrhe, Aloe, Kassia, Zimt uvm. aus dem Nichts zu einem einflussreichen Volk von Händlern auf.
Die begehrten Güter wurden über Handelsrouten von Südarabien und Indien gen Mittelmeer transportiert, die den Rückzugsort dieses Volkes passierten. Die Waren brachten Reichtum. Das Wüstenvolk wurde sesshaft. Der Hauptstützpunkt stieg zur Königsstadt auf.
Wann genau die Nabatäer damit begannen, Häuser zu bauen, Acker- und Gartenbau zu treiben und nicht mehr Raubzüge als Haupteinnahmequelle zu sehen, darüber stritten sich bereits Historiker der Antike. Ebenso wenig können zeitgenössische Archäologen gesichert sagen, wann und aus welchem Grund die Stadt aufgegeben wurde.

Geheimnisse, Geheimnisse ...

nabatäischer Krieger

Kein Geheimnis ist, dass Petra nach der »Wiederentdeckung« durch Orient-Liebhaber im 19. Jahrhundert zum Anziehungspunkt schlechthin wurde. Bis dahin hatte 600 Jahre kein Europäer die Stadt betreten. Mythen begangen sich um die roten Felsen, den Bewohnern und ihren Besuchern zu ranken. Heute gehört Petra zu einer der Haupteinnahmequellen des jordanischen Staatshaushalts (Eintritt 50 Euro), das »Schatzhaus« von Petra diente in Steven Spielbergs »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« als Kulisse und 2007 wurde die »rote Stadt« in die Liste der sieben neuen Weltwunder gewählt.

Für den Laien ist der Aufstieg und Niedergang des antiken Petras einfach nachzuvollziehen, wenn er die moderne Stadt Wadi Musa als Beispiel sieht, die sich entlang der Hügelketten bis zum Eingang von Petra ausbreitet.

Das ehemals kleine Berberdorf wird von Kommerz beherrscht: Hotels, Pensionen, B&B’s, Restaurants - mit »free Wi-Fi« - und Souvenirläden bestimmen das Bild.
In Reiseberichten und -führern las ich, dass Touristen füllhorngleich aus Bussen vor dem Besucherzentrum ausgespuckt werden. Auf dem Hof, wo beim Anblick der Stände das Souvenir-Sammlerherz Purzelbäume schlägt, trifft sich die Welt: Arabien, Europa, Amerika und Asien. Nirgendwo sah ich während der 16 Tage, die ich im Nahen Osten verbrachte, so viele Asiaten auf einen Haufen wie hier.
Waren es verhältnismäßig mehr Touristen wie etwa in Jerash, blieb ihre Zahl allerdings erneut meinen Erwartungen bezüglich einer derart wichtigen Sehenswürdigkeit zurück. Die Besucherzahlen sind nach dem 11. September 2001 und in Folge der Unruhen im Nahen Osten drastisch zurückgegangen. Bis 2001 besuchten jährlich 1 Million Touristen die Ausgrabungen. Wie viele Touristen aktuell gezählt werden, weiß ich nicht. Allerdings haben in den letzten 2 Jahren 20 Unterkünfte schließen müssen.

Aber nun in die Stadt der Träume.
Die Geheimnisse der Nabatäer sind in Sandsteinbergen und unter steinig staubiger Erde in einer Hügellandschaft und ausgetrockneten Wadis verborgen. Erst 1 % des Stadtgebiets sind bisher erkundet. Von den 800 erfassten Stätten sind 500 Gräber oder religiöse Prachtbauten, wie z.B. das »Schatzhaus« (arab. Khazne al-Firaun) oder das Obeliskengrab.
Ein Kilometer muss vom Besucherzentrum zurückgelegt werden, bis der eigentliche Eingang erreicht wird. Anna (Name geändert) - eine richtig coole Mitreisende, die hatte eine beneidenswerte stoische Ruhe - und ich gingen ihn zu Fuß. Im Eintrittspreis ist ein Pferde-/Eselritt bzw. eine Kutschfahrt enthalten, aber die haben sooo gestunken. Außerdem war ich erwartungsvoll gespannt und voller Tatendrang. In solchen Momenten glaube ich immer, den Mount Everest besteigen zu können.



Den Siq, die schmale Schlucht, die seit jeher in die verborgene Stadt führt, empfand ich als ein Portal, das mich in eine andere Welt brachte. Alles verstummte. Nur das Rattern der Kutschen war zu hören, die auf Steinplatten fahren, über die bereits die Römer gegangen sind, und die Vögel, die in wild geformten Felsen umherfliegen.



Wasserleitung
Eines, dass die Nabatäer unvergessen machte, ist ihre Leistung beim Wasserleistungsbau. Tropfwasser und Tau wurde aufgefangen, abgeleitet und gespeichert. Sie glichen und nutzten Gefälle. Sie bauten Talsperren, Wassertunnel und Stützmauern, die Sturzwasser minderten und eine Anschwemmung der Wadis verhinderten.
Noch heute sind nabatäische Zisternen in Benutzung.



Als das »Schatzhauses« in die Dunkelheit des Siqs strahlte, wurden alle meine Vorstellungen, die ich durch Bilder und Dokumentationen von Petra gewonnen hatte, minimalisiert. Selten hatte ich einen so erhabenen Moment in meinem Leben erlebt. Alles, was Petra ausmacht, findet sich in der Fassade, die in der Mitte der Felswand aufragt und den Platz davor beherrscht: Geschichte, Bedeutung, Wahrheit, Mystik.


Aus dem Felsen herausgeschlagen wurde es als Grabmal für einen Nabatäer-König. Seinen Namen erhielt es dadurch, dass ein ägyptischer Pharao hier seine Schätze versteckte.
Ich konnte mir gut vorstellen, dass es zur Zeit der handelnden Nabatäer ein ähnliches Gewimmel gegegeben hatte, dass Menschen sich trafen und austauschten, lachten, sich freuten, dass an der gleichen Stelle ein wie heute eine Taverne stand, die zu überteuerten Preisen Getränke und Essen an die erschöpften Ankömmlinge ausgab.





Intuitiv entschieden Anna und ich uns für den einfachen der fünf ausgewiesenen Wege, die durch die Stadt führen. Wir haben nicht viele der Stellen gesehen, die man nach Meinung von Reisebuchautoren gesehen haben sollte. Doch bin ich auch heute nicht traurig, dass ich nicht am Opferplatz gewesen war oder von einem erhöhten Punkt auf die Stadtfläche geblickt habe.
Wir sind geschlendert, haben einen Tee in einer der Buden im Tal vis-a-vis der Königswand getrunken und haben die anderen Touristen beobachtet, die von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzten und unter Schwemme von zwei Kreuzfahrtschiff-Ausflüglern untergingen. Manchmal ist weniger mehr.




Auf der von den Römern errichtetetn Säulenstraße mit Blick auf das Urnengrab

Nichts destotrotz hat Petra mich geschafft. Der Weg, den ich am Morgen leichtfüßig gegangen bin, wies urplötzlich ein Gefälle auf und ich meinte, den Aufstieg zum Gipfel des Mount Everst absolvieren zu müssen. Ich war nahe daran, mich in eine Kutsche zu setzen und vor mir einen der stinkenden Pferdehintern zu haben. Nur dank Annas Motivationskünsten habe ich es bis zum Tor und weiter bis zu einer Pizzaria geschafft, wo wir uns eine Margarita take-away nahmen und auf unseren Zimmern gegessen haben.

Am Abend hätte es noch die Möglichkeit gegeben, »Petra by night« zu erleben (15 Euro Eintritt). Meine Mitreisenden, die sich die Show angesehen haben, waren durch die Bank begeistert gewesen. Romantik pur durch Kerzen in Felsschluchten und Berbermusik.
Ich habe darauf verzichtet und habe stattdessen den perfekten Tag bei einem Glas Wein und anderen fußfaulen ausklingen lassen.

Petra, der Fels, hat mir eines wieder in's Bewusstsein gerückt: Ganz gleich welchen Eroberungen oder Erdbeben man ausgesetzt ist, durch Entschlossenheit kann etwas Großes und die Zeit Überdauerndes vollbracht werden.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Der Geruch des Nahen Ostens - herb wie von der Sonne ausgedörrte Erde; Za'atar




Ich bin unchronologisch. Aber ich muss schnell nach Israel und Palästina hüpfen, auch wenn die Jordanienreise noch nicht einmal zur Hälfte gebloggd ist. Es bietet sich einfach an.

Heute habe ich mir einen Salat zusammengemischt und Manakish gebacken. Manakish ist ein Fladenbrot aus Hefeteig. Äußerst beliebt in der arabischen Küche. Aufgrund meiner Ungeschicklichkeit betreffend Teig zu formen, habe ich mich bei der Zubereitung für die einfache »auf-das-Backblech-legen«-Variante entschieden.
Auch wenn das Brot nicht denen gleicht, die ich immer auf die Schnelle an einem Straßenstand gekauft und ihm Gehen oder auf einem Mäuerchen gegessen habe, fand ich mich augenblicklich in der Altstadt von Jerusalem und auf den Straßen von Ramallah und Bethlehem wieder, als ich das Za’atar gerochen habe.



Za’atar ist eine Pflanze, bei uns besser bekannt unter der Bezeichnung »Ysop«. Die getrockneten Blätter werden fein zerrieben und mit Sumach, geröstetem Sesam und Salz zusammengemischt. Die Gewürzmischung, die vor dem Backen als Paste mit viel Olivenöl auf den Teig gestrichen wird, behält den Namen.
Kauft man im arabischen Viertel von Jerusalem, in Ostjerusalem oder in den palästinensischen Gebieten einen Sesamkringel oder ähnliches, bekommt man immer ein Tütchen aus Zeitungspapier mit einer Portion Za’atar, in die man das Gebäck tunkt.

Bild entommen von der Webside "food.lizsteinberg"



Unter welchem Irrsinn Palästinenser und Israelis zu leben haben, wird anhand dieses Krauts deutlich. Die Pflanze findet sich nicht nur auf den Felsen um Jerusalem, sondern auch auf der langen Liste der heiklen Themen, die das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Völkern vergiften.
Za’atar wurde auf die rote Liste gesetzt. Ob es gefährdet ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Hierzu fehlt mir der botanische Einblick. Sicher fehlt es auch vielen Palästinensern an botanischen Wissen, die die Entscheidung als Willkür und Angriff auf ihre Gewohnheiten ansehen. Für die palästinensische Küche ist das Kraut unverzichtbar und das Aroma ist für Palästinenser der Geruch von Heimat. Dennoch kann ich den Unfrieden verstehen, der mit dem Verbot einhergeht. Wie in vielen anderen Fällen entschied die israelische Regierung, ohne das Gespräch mit den Palästinensern zu suchen.
Aber das olivgrüne Pulver wird auch von Israelis zum Würzen von herzhaften Backwaren, Hummus, Salaten und Fleisch verwendet. Es findet sich im arabischen Suq und auf jüdischen Märkten, in arabischen und israelischen Supermärkten.

Gewürzhandel im arabischen Suq von Jerusalem
Wenn Israelis und Palästinenser tief das Aroma des getrockneten Za’atars einatmen, riechen sie die ausgedörrte Erde der Hügellandschaft, die sie umgibt, und den Schweiß, den sie vergießen, wenn sie ihr das Lebensnotwendige abringen. Sie schmecken das süße Aroma von geröstetem Sesam, dass daran erinnert, wie lebenswert Leben sein kann.

Vielleicht sollten Regierungsvertreter und Vermittler klein anfangen. Nicht über Menschen- und Bürgerrechte, Siedlungen und Eigentumsrechte, zwei oder einem oder keinem Staat reden, sondern über ein kleines wucherndes Kraut. Darüber, wie es geschützt werden kann, damit für jeden genug bleibt, und darüber, wie es am Schmackhaftesten zu verwenden ist.
Es heißt so schön: „Liebe geht durch den Magen.“ Warum nicht auch Frieden?